Der Prager Golem

Die Legende vom künstlichen Menschen aus Prag

Klonen ist die Wissenschaft unserer Zeit. Früher wollten Gelehrte nach biblischem Vorbild Menschen erschaffen, so wie es Gott getan hat. Der Prager Golem wurde aus Lehm geformt und ist hier wohl eines der bekanntesten Beispiele für ein solches Wesen.

„Golem“ ist ein hebräisches Wort und in seiner Übersetzung hieß es zunächst so etwas wie „ungeformt“ oder „Embryo“, in der späteren Sprache wurde daraus eine negativere Konnotation mit „dumm“ oder auch „hilflos“. In beiden Varianten ist ein Golem aber etwas Unfertiges, etwas Unvollständiges. Oft wird es als die fehlende Vollendung dessen bezeichnet, was einen Menschen ausmacht und auch häufig im Sinne von „ungebildet und dumm“ verwendet.

Die größte Bekanntheit hat der Golem jedoch als jüdische Legendengestalt aus Mitteleuropa, und hier besonders der Golem aus dem jüdischen Prag. In den Überlieferungen und Legenden wird er als künstlich erschaffenes Wesen beschrieben, das zwar oft große körperliche Kräfte hat, aber keine oder wenig geistige. Auch das Sprechen ist eine Fähigkeit, die dem Golem in den meisten Überlieferungen nicht zugeschrieben wird.

Die jüdische Legende

Im zwölften Jahrhundert erschien in einem Kommentar zur Kabbala eine Anleitung, wie man tote Materie zum Leben erwecken können sollte. Bestimmte Zahlenkombinationen, Buchstaben und andere Elemente sollten durch Verwendung von Zahlenmystik, Numerologie und Gematrie so verwendet und geordnet werden, dass mit ihrer Hilfe Magie gewirkt und ein Wesen erschaffen werden kann. Die Idee folgt dabei der Idee der göttlichen Schöpfung, denn lt. Talmud fand auch Adam auf eine ähnliche Art und Weise seine Entstehung und wurde aus einem Lehmklumpen geformt.

Allerdings war man nicht so vermessen, sich ganz mit Gott und seiner Schöpferkraft gleichzustellen. Man war sich bewusst, dass die Schöpfung des Menschen nicht perfekt sein kann, wenn der Schöpfer selbst – also der Mensch – auch nicht perfekt ist und berechnete schon mit ein, dass ein von Menschenhand geschaffener Golem immer mit Fehlern oder Mängeln behaftet sein müsse. Meisten  handelte es sich dabei um das Manko, dass der Golem keine Sprache hatte, das heißt, dass er einfache Dinge zwar verstehen konnte (wenn auch nicht immer richtig), aber nicht selber sprechen konnte.

Nur die klügsten Wissenschaftler, Gelehrten und Rabbiner wagten sich an den Versuch, einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Die herausragendsten Gelehrten zur fraglichen Zeit waren rund um den Prager Hof und vor allem in der jüdischen Gemeinde in Prag zu finden. Dazu kam, dass Kaiser Rudolph II (16. Jahrhundert) den Wissenschaften und den okkulten gleichermaßen nahestand und diese auch förderte. Zwischen ihm und dem Rabbi Judah Löw hat es der Überlieferung nach wohl Gespräche gegeben, bei denen man sich über mystische und okkulte Praktiken ausgetauscht haben soll. Ebendiesem Rabbi Löw wird auch nachgesagt, dass er den berühmten Prager Golem erschaffen haben soll.

Die Legende vom Prager Golem

Die Geschichte vom Prager Golem ist in verschiedenen Versionen bekannt geworden, die bekannteste ist seine Erschaffung durch Rabbi Löw (1525-1609). Den Juden in dieser Zeit wurden schlimme Dinge vorgeworfen und an allem wurde ihnen die Schuld gegeben, egal ob es um angebliche Ritualmorde an Kindern ging, um Verhexungen oder warum die Kuh keine Milch gab. Der Prager Rabbi wollte den Juden der Stadt helfen und hatte eine Vision. Nach dieser sollte er einen Menschen aus Lehm formen, der fortan die Juden beschützen sollte. Er und seine Schüler formten also die Figur des Golem und mit Hilfe der vier Elemente und etwas Magie hauchten sie ihr Leben ein. Durch weitere magische Rituale aus dem Buch der Schöpfung konnte die Figur bei Bedarf aufgeweckt und wieder schlafen gelegt werden. In dieser Überlieferung geschah das durch eine magische Formel auf einem Zettel, die dem Golem bei Bedarf unter die Zunge gelegt wurde bzw. wieder entfernt wurde, wenn man seine Dienste nicht mehr benötigte.

Der Golem war neben seinen Bärenkräften auch mit der Fähigkeit ausgestattet, unsichtbar zu sein. Unerkannt sollte er auf den Straßen gleich die Leute dingfest machen, die ein totes Kind mit sich trugen, denn ein solches wurde oftmals einfach irgendwo im Judenviertel abgelegt, um den Mord dann den Juden in die Schuhe zu schieben.

Der Golem durfte nur zu Tätigkeiten herangezogen werden, die dem Schutz der Juden dienten. Außerdem durfte er am Sabbat nicht zum Leben erweckt werden.

Weitere Sagen aus dem Legendenkreis des Prager Golem

Um den Prager Golem ranken sich noch weitere Geschichten und Legenden. In einer Version heißt es, Rabbi Löw habe einmal vergessen, den Zettel mit der Formel aus dem Mund des Golem zu nehmen. Dieser sei daraufhin rasend geworden und habe alles zerschlagen, was sich ihm in den Weg stellte. Der Legende nach geschah das, während der Rabbi den Gottesdienst abhielt und das Sabbatlied gesungen wurde. Er unterbrach die Zeremonie und stoppte den Golem. Alsdann fuhr er im Gottesdienst fort. Diese Version liefert eine Erklärung dafür, warum in Prag am Sabbat das Sabbatlied zweimal gesungen wird.

In einer anderen Version erfahren wir von Rabbi Löws Ehefrau. Diese hatte den Golem mit profanen Alltagstätigkeiten beauftragt, die weder zum Schutze der Juden noch irgendwelchen kirchlichen Belangen dienten. Sie befahl ihm besipielsweise, Wasser zu holen, vergaß aber, hinterher wider den Befehl zum Aufhören zu geben. (Dieses Motiv begegnet uns auch im „Zauberlehrling“)

Die Vernichtung des Prager Golems

Da der Golem zum Schutz der Juden erschaffen wurde, war seine Daseinsberechtigung abgelaufen, als es den Juden besser ging und die Vorwürfe und Anschuldigungen gegen sie aufgehört hatten. Rabbi Löw und seine Schüler mussten das Erschaffungsritual in umgekehrter Abfolge erneut durchführen, um den Golem wieder zu dem Lehmklumpen werden zu lassen, aus dem er geschaffen war.

Eine andere Version kennt das Ende des Golem abweichend: Während der Golem dem Rabbi die Schuhe ausziehen sollte, entfernte der Rabbi dem Golem das Siegel der Wahrheit von der Stirn und tötete ihn damit. Der Golem fiel um und erschlug dabei auch den Rabbi.