Tschechische Märchen

Märchen und Geschichten sind in allen Kulturen eine beliebte Literaturgattung und bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen beliebt. Sie sind die Blüte der Volksdichtung und drücken das schöpferische Schaffen des Volkes aus. Man spricht hier auch von gesunkenem Kulturgut.

Märchen in Tschechien

In der literarischen Periode der tschechischen Romantik war die Dichtung mehr im Bereich des Ästhetischen angesiedelt. Themen mit  Musik, der Liebe zur Heimat und das einfache Landleben, Naturverbundenheit und ähnlich gelagerte Themen und Motive spielten eine zentrale Rolle.

Eine große Rolle innerhalb der tschechischen Nationalliteratur nimmt Karel Jaromír Erben durch seine gesammelte Volksdichtung ein, mit welcher er den Mystizismus wieder aufleben lässt. Folkloristische Elemente kamen in Mode und die Volksdichtung sowie die Volkskunst allgemein dienten den Menschen als Merkmale, mit denen sie sich identifizieren konnten.

Erben (1811-1870) als der Dichterphilologe Tschechiens, nimmt in Tschechien etwa die Stellung ein, welche die Gebrüder Grimm im Deutschen als Märchensammler inne haben. Bereits 1834 begann er mit dem Sammeln der ersten Volkslieder. Auch tschechische Balladen sammelte er. Die folkloristischen Elemente waren vor allem bei Kindern äußerst beliebt und brachten außerdem eine nationale Botschaft zum Ausdruck. Zu der gleichen Zeit begann er auch, Märchen nicht nur zu sammeln, sondern auch bereits unter volkskundlichen Gesichtspunkten zu betrachten und ihre verschiedenen Varianten miteinander zu vergleichen.

Auch die tschechische Schriftstellerin Bozena Nemcova (1820-1862) interessierte sich für volkskundliche Inhalte, was sich auch in ihren Werken niederschlägt, v.a. in Babicka. Ihre Prosa enthält viele Elemente aus dem Volksaberglauben. Im Vergleich zu ihm stellt sie eine Gegenposition in der Märchendichtung dar: Erben zeichnete getreulich alle gehörten Texte philologisch auf, Nemcova verwertete das Material und ordnete es eigenen künstlerischen Intentionen unter. Sie belletrisiert volkskundliche Skizzen, sie vermischt Elemente aus Märchen verschiedenster Traditionen.

Das tschechische Märchen von 1790 bis 1860

Tille und Polivka gelten als Vertreter der finnischen Schule in der Märchenforschung. Durch Volksdichtung kann der Volksgeistes erkannt werden. Die Volkserzählungen wurden daher von den beiden unzensiert und unverfälscht aufgezeichnet. Sie mussten allerdings feststellen, dass die Volksüberlieferung eher Nebensache war und Märchen mehr volksaufklärerische, nationale und ästhetische Ziele hatten. Sie sehen die literarische Aufmachung als Störfaktor.

Für Vodicka ist diese literarische Aufmachung hingegen sehr wichtig und muss für ihn Gegenstand literaturwissenschaftlicher Betrachtungen sein. Er untersucht die Eingliederung des Märchens (v.a. Erben und Nemcova) in die Literatur. Um allgemeine Entwicklungstendenzen aufzeigen zu können muss er zunächst die Grundzüge des Belletrisierungsverfahrens darstellen. Die Analyse der Werke selber sind bei ihm eher zweitrangig. Als Bestandteil der Volksdichtung wurde die Märchengattung in die Literatur aufgenommen. 

Für das Märchen in literarischen Kontexten gelten andere Bestimmungen als für das folkloristische, mündlich übertragene. Literarische Märchen werden betrachtet in Hinblick auf stilistische Tendenzen und Gattungsgefüge. Sie entstehen durch Transformation und Veränderung von vorgegebenen Volksmärchen bzw. auch nur von deren Motiven. Die Volksdichtung wurde als literarischer Wert erkannt. Gleichzeitig konnte sie sich an vorgefertigte Schemata anlehnen. In der Terminologie kennt man die Begriffe pohádka und báchorka. Pohádka ist im Alttschechischen die Bezeichnung für ein Rätsel, ein Gespräch, eine Kontroverse. Báchorka bedeutet ursprünglich etwas Erdachtes, etwas Phantastisches, ein Hirngespinst.

Das tschechische Märchen zur Zeit der Aufklärung und im Klassizismus des 18. Jahrhunderts

Im 18. Jahrhundert gab es in der Literatur noch kein Gattungsbewusstsein für Märchen. Erst während der nationalen Wiedergeburt gegen Ende des 18. Jahrhunderts konstituierte sich die Literatur neu. Im auf den Barock folgenden Klassizismus war für die Gattung des Märchens kein Platz in der gehobenen Literatur vorgesehen. Aber in den unteren Rängen der Literatur konnte es sich entwickeln. Diese Ränge dienten vor allem zur Volksaufklärung und auch zum Erhalt und der Pflege der tschechischen Sprache. Märchen kam dabei die Funktion zu, die Inhalte der alten Volksbücher zu vermitteln.

Besondere gattungsspezifische Merkmale des Märchens entstanden erst ab dem Jahr 1800. Aus anderen Gattungen wurden Themen und Motive entlehnt, z.B. das Bänkellied. Gerle gab die erste Sammlung von deutschsprachigen böhmischen heraus, das Werk erschien 1819 in Prag.

Nationalisierung der Volksdichtung in der Literatur der 20er und 30er Jahre

Die Volksdichtung wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Kanon der Literatur aufgenommen (Kanon in der Literatur: Werke, die für besonders lesenswürdig gehalten werden). Das hatte verbesserte Bedingungen für die Entwicklung des Märchens zur Folge. Der Nationalbegriff wurde gefestigt, die Quellen des Volksgeistes und der Phantasie waren die Volksdichtung und Elemente aus dem Slawentum. Herausragende Stellung kam dem Märchen zu dieser Zeit noch nicht zu. Es war zunächst noch mündliche Wortkunst, der jegliche Realität fehlte. Das Märchen war profan, unpathetisch und oft mit scherzhaftem Charakter.

Man begann, eine künstlerische Idealgestalt des Märchens zu konstruieren mit Idylle und Natürlichkeit, wodurch es in die oberen Ränge der Literatur aufsteigen konnte und die Nähe zum Volksbuch verlieren konnte. Auf ein wachsendes Interesse am Märchen in den 30er Jahren weisen die zahlreichen Übersetzungen hin.

Festigung des Märchens gegen Ende der 30er Jahre

Gegen Ende der 30er Jahre kam die Forderung nach Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit auf. Das Märchen musste neu bewertet werden. Es sollte belletrisiert werden, denn Verserzählung war nicht mehr geeignet. Einerseits versuchte man mit einfachem und volkstümlichem Stil die Verständlichkeit zu gewährleisten, andererseits barg das aber auch die Gefahr eines erneuten Absinkens des Märchens in eine niedrigere Literaturstufe.

Position des Märchens in den 40er Jahren

In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts lag unzweifelhaft der Höhepunkt des tschechischen Märchens. Es hatte einen hohen Entwicklungswert erreicht, auch in Bezug auf das Ausmaß und die Dauer der Rezeption. Erstarrte Schemata wurden aufgelockert, man erkannte und nutzte die vielseitige Kombinationsmöglichkeit seiner Elemente. Das Märchen wurde immer populärer, während die Sage an Bedeutung verlor.